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Forscher, UN-Klimarat und Politiker feilschen um die richtigen Klima-Formulierungen

In Allgemein on Mai 23, 2007 at 9:08 pm

In Bangkok wurde um das Klima gefeilscht. Zigtausende Arbeitsstunden haben die Wissenschaftler des UN-Klimarates (IPCC) in den weltweiten Klimabericht gesteckt und damit die internationale Gemeinschaft in Alarm versetzt. In der“Zusammenfassung für die Politiker“ wollte der UN-Klimarat konkrete Maßnahmen gegen die Erderwärmung vorschlagen. Was zunächst streng wissenschaftlich begann, endete in einem Feilschen um jedes einzelne Wort: Die „Zusammenfassung für die Politiker“ ist nämlich aus mehr als 1000 Seiten Text entstanden, auf denen Wissenschaftler den aktuellen Stand der Forschung zu den möglichen Maßnahmen gegen den Klimawandel zusammengetragen haben. Dies ist der dritte Teil des UN-Klimaberichts. Auf seiner Grundlage soll das Kyoto-Protokoll über die Verringerung der Treibhausgase erneuert werden. Doch über den richtigen Weg wird offenbar noch immer gestritten.
So machten sich Länder wie die USA und China, die beide das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben, dafür stark, nur solche Maßnahmen in den Bericht aufzunehmen, die der Wirtschaft nicht allzu viel abverlangten. Gestritten wurde auch über die größten Verursacher und die besten Technologien für eine saubere Luft, Prozentangaben über größere Energieeffizienz, die Atomkraft, „saubere“ Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien stehen zur Debatte. Und da prallen die Interessen von Wirtschaftslobby, Politik und Klimaforschern aufeinander. Wissenschaftliche Ergebnisse abhängig von Politik?
Für Hermann Ott vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie steht schon jetzt fest: Die „Zusammenfassung für die Politiker“ wurde von den Regierungsdelegationen in vielen Punkten entschärft. Ott, der am dritten Teil mitgearbeitet hat, beurteilt diesen skeptisch. Das Ergebnis hätte „dem Zustand des Klimas und dem Stand der Forschung entsprechend konsequenter“ ausfallen können, sagt er. Nicht erst jetzt, da die Regierungsvertreter mit am Tisch sitzen, würde um die rechten Maßnahmen gefeilscht. Die im Klimarat beteiligten US-Forscher hätten schon vorher dafür gesorgt, dass viele umweltgerechte Maßnahmen nicht als effektiv empfohlen werden, kritisiert Ott. Das habe unter den Wissenschaftlern für Unmut gesorgt, erzählt er. Viele seien über diese politische Einflussnahme so empört, dass sie erwägen würden, künftig nicht mehr im UN-Klimarat mitzuarbeiten.
Die Politik habe die wissenschaftlichen Ergebnisse verfälscht, so die Kritik. Klimabericht nur eine Light-Version. Wolfgang Cramer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hält das für übertrieben. Er war Mitherausgeber des zweiten Teils des Berichts, der die Folgen der Erderwärmung behandelte. Natürlich könne es frustrierend sein, wenn um jede Formulierung gerungen werde, so Cramer. Besonders die USA, Saudi-Arabien, Russland und China seien darin Experten. Sie hätten immer wieder eine Abschwächung von Formulierungen eingefordert, unter anderem bei der Beschreibung des Ausmaßes der Ausrottung von Tieren und Pflanzen. Auch Cramer hätte sich gewünscht, dass mehr Risiken genannt worden wären, zum Beispiel das schnelle Ansteigen des Meeresspiegels. Doch auch die „Light-Version“ habe ihre Wirkung, davon ist Cramer überzeugt. Wenn Forscher Politik betreiben …
Kritik kommt aus dem Kreis der Klimaforscher aber auch an der eigenen Zunft. Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht meint, dass es einigen am Klimabericht beteiligten Forschern nicht allein um die wissenschaftlichen Daten ging, sondern auch um eine politische Aussage: die Warnung vor dem Klimawandel. „Man hätte Wissenschaftler, die offenbar normativ getrieben sind, nicht als Leitautoren einsetzen sollen“, kritisiert von Storch. „Wichtige Personen im IPCC“ hätten selbst „eine politische Agenda“. Er bezog sich dabei auf den Chef des Weltklimarates, Rajendra Pachauri, der im Magazin „Spiegel“ mit harscher Kritik an einem Forscher zitiert wurde. Dieser hatte in Frage gestellt, ob der Kampf gegen eine Erhöhung des Meeresspiegels sinnvoller sei, als die Menschen auf den bedrohten Inseln umzusiedeln. Doch von Storch hält wenig von Zweifeln am Einfluss des Menschen auf das Klima. „Das sind Gefechte von gestern, die von wichtigen Fragen ablenken. Jetzt geht es um die Verminderung von Klimarisiken, um eine tatsächliche Emissionsverminderung im Gegensatz zu leeren symbolischen Akten und eine bessere Anpassung an den Klimawandel“, fordert er.
Wie stark sich auch immer der Klimawandel auf die Menschheit auswirken wird, sicher ist, das Feilschen auf internationaler Ebene geht weiter. Im Herbst soll die Zusammenfassung aller drei Teile des UN-Klimaberichts veröffentlicht werden. Spätestens 2009 muss eine Folgevereinbarung des Kyoto-Protokolls verabschiedet werden.

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