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Österreich: Vom Nachzügler zum überdurchschnittlichen EU-Performer

In osterreich on Juni 4, 2007 at 11:13 am

ÖSTERREICH: VOM NACHZüGLER ZUM üBERDURCHSCHNITTLICHEN
EU-PERFORMER
EGERTH: \"WIR BRAUCHEN MEHR HIGHTECH-START-UPS, DAS IST DIE ZUKUNFT\"

FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth
Wien – Die europäische und internationale
Wettbewerbsfähigkeit eines Landes hängt maßgeblich von innovativen
Unternehmen ab. Um in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen die Nase vorn zu
haben, profitieren neben der etablierten Großindustrie vor allem
kleine und mittlere Unternehmen sowie junge Start-ups von
Förderungszuschüssen der Österreichischen
Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) http://www.ffg.at .
pressetext sprach mit der FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth
über wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, den Standort
Österreich, Kooperationen mit den Bundesländern sowie mögliche
Zukunftsbranchen. Dabei spielen sowohl die forschungsübergreifende
Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft als auch die
Anzahl neuer Patentanmeldungen eine entscheidende Rolle.

PRESSETEXT: FRAU EGERTH, BESONDERS ERFREULICH IST DIE PERFORMANCE VON
KLEINEN UND MITTELSTäNDISCHEN UNTERNEHMEN (KMU) IN ÖSTERREICH. VOR
ALLEM IN DER INDIKATORENGRUPPE \"ENTREPRENEURSHIP\" LIEGEN DIE KMU
WEIT üBER DEM EU-DURCHSCHNITT. SEHEN SIE IN DER VON DER GROßEN
KOALITION BIS 2010 VEREINBARTEN JäHRLICHEN FFG-BUDGETERHöHUNG UM
ZEHN PROZENT EINEN NEUEN IMPULS FüR DIE öSTERREICHISCHE
FORSCHUNGSFöRDERUNGSLANDSCHAFT?
Egerth: Grundsätzlich haben wir unsere letztgültigen Budgets noch
nicht. Es gibt zwar die Budgets für die Ressorts und das ist sehr
positiv, denn da steigen die Budgets insgesamt für Forschung und
Entwicklung (F&E). Die letztgültige Aufteilung auf Institutionen
bzw. Förderagenturen ist jedoch noch nicht erfolgt. Aber das, was
wir bis jetzt wissen, lässt uns hoffen, und es gibt gute
Indikationen dafür, dass wir diese zehnprozentige Budgetsteigerung
für die FFG auch bekommen werden.

PRESSETEXT: DENNOCH GIBT ES IM INTERNATIONALEN VERGLEICH DERZEIT NOCH
IMMER EIN KOPF-AN-KOPF-RENNEN. WIE SCHNEIDET ÖSTERREICH HIER AB?
Egerth: Hier muss man ganz ehrlich sagen, dass Österreich in den
letzten Jahren, und hierbei vor allem seit 2001, eine höchst
erfreuliche Entwicklung genommen hat. Laut Statistik Austria haben
wir zwischen 2000 und 2006 tatsächlich eine Steigerung von 54,9
Prozent bei den Budgetmitteln in Österreich. Das hat uns vom
Nachzügler zum überdurchschnittlichen Performer in Europa gemacht.
Das sind die Fakten, die auf dem Tisch liegen. Hier wurde wesentlich
mehr investiert und wir haben auch, was vielleicht Skeptiker nicht
erwartet haben, die Prognose der Statistik Austria für 2006, die ja
2,43 Prozent vorhergesagt hat, erfüllt. Die Prognose für 2007 liegt
bei 2,54 Prozent bei F&E-Ausgaben vom BIP. Wenn man sich die
vergangenen Jahre und die Steigerungen pro Jahr anschaut, lässt dies
tatsächlich hoffen, und hierbei ist der Trend eindeutig vorhanden,
dass das Barcelona-Ziel, also die Erhöhung der Forschungsquote bis
2010 auf drei Prozent des BIP, erreicht wird. Bei diesen
Inputgrößen, sprich F&E-Ausgaben des Bundes, muss man davon
ausgehen, dass erstens der Trend nachhaltig vorhanden ist und
zweitens die Ziele, die man sich steckt, auch erreicht. Und offen
gesagt, ob man jetzt das Drei-Prozent-Ziel punktgenau erreicht oder
eindeutig stark in diese Richtung tendiert, daran soll es letztlich
nicht scheitern. Schließlich werden diese drei Prozent ja nicht nur
von den Ausgaben des Bundes maßgeblich beeinflusst, sondern schon
auch von den Investitionen der Unternehmungen – und dies nicht zu
einem unentscheidenden Ausmaß.

PRESSETEXT: SIND POLITISCHE NACHBESSERUNGEN ZUR OPTIMIERUNG DER
RAHMENBEDINGUNGEN FüR F&E SOWIE UNTERNEHMEN TROTZDEM ERFORDERLICH?
Egerth: Wir können nur erfolgreich arbeiten, wenn die Politik
entsprechend die Rahmenbedingungen setzt. Bezogen auf das Budget hat
schon die letzte, aber auch die neue Bundesregierung sehr vorbildlich
gearbeitet. Meiner Ansicht nach gehen die bislang gesetzten Maßnahmen
eindeutig in die richtige Richtung. Weshalb wir absolute Investitionen
in die anwendungsorientierte Forschungsfinanzierung so stark
unterstützen und für notwendig empfinden und deswegen auch immer
wieder dafür plädieren, diese Steigerung von zehn Prozent pro Jahr
auch wirklich passieren zu lassen, hat damit zu tun, dass jeder Euro,
den wir investieren, von der Wirtschaft doppelt so hoch selbst noch
einmal eingesetzt wird. Wenn die Wirtschaft und die Industrie nicht
mitziehen, dann werden wir das Drei-Prozent-Ziel oder sonstige Dinge
nicht erreichen. Mit dem Gründungsjahr der FFG 2004 haben die
zuständigen Ressorts, das ist das Infrastruktur- und das
Wirtschaftsressort, maßgeblich dazu beigetragen, dass die operativen
Programme von den Ressorts in die FFG ausgelagert worden sind. Damit
ist unsere Rolle ganz klar definiert. All das zusammen hilft
natürlich, dass man eine gute Performance hinlegen kann und
dementsprechend freuen wir uns über das Lob des Wirtschaftsministers
Bartenstein, dass wir "ein gelungener Wurf" sind.

PRESSETEXT: DAS WIRTSCHAFTSFORSCHUNGSINSTITUT PLäDIERT IN EINER
AKTUELLEN STUDIE FüR MEHR INVESTITIONEN IN FORSCHUNG. AUßERDEM
SOLLEN DIREKTE FöRDERUNGEN EFFEKTIVER WIRKEN ALS STEUERLICHE ANREIZE
FüR KMU. INWIEWEIT STIMMEN SIE MIT DIESER EINSCHäTZUNG üBEREIN?
Egerth: Die Struktur Österreichs ist traditionell sehr stark
KMU-dominiert und es ist eindeutig so, dass kleine und mittlere
Unternehmungen hierzulande noch stärker an Forschung und Entwicklung
herangeführt werden müssen. Hier hat auch die Staatssekretärin
Kranzl jetzt noch einen zusätzlichen Schwerpunkt gelegt, wobei
unsere Statistiken ohnehin schon zeigen, dass mehr als 85 Prozent
unserer Fördernehmer kleinere und mittlere Unternehmungen sind. Das
ist europaweit ein extrem hoher Wert. Dennoch möchte ich ganz klar
sagen, dass es sicher nicht der richtige Weg ist, die Industrie von
den kleinen und mittleren Unternehmungen zu separieren oder zu sagen,
dass die einen wichtiger sind als die anderen. Die KMU in Österreich
brauchen große Industrieunternehmungen, da viele von ihnen in
direkter oder indirekter Art und Weise von der Großindustrie
abhängen. Unsere Bestrebung ist es auf jeden Fall, große
Industrieunternehmungen gleichermaßen wie KMU zu fokussieren. Bei
den KMU hat man natürlich einen anderen Auftrag, da diese
traditionell stärker von innovativen Unternehmungen – und die KMU in
Österreich sind sehr innovativ – zu Forschungsunternehmen entwickelt
werden müssen. Dies ist sicher eine andere Aufgabe als bei
Industrieunternehmen.

PRESSETEXT: WELCHE WIRTSCHAFTSBRANCHEN ERACHTEN SIE VOR DIESEM
HINTERGRUND ALS BESONDERS FöRDERBEDüRFTIG UND WO IST ÖSTERREICH
DERZEIT VORZEIGELAND?
Egerth: Defizite haben wir eindeutig in den Bereichen der
Kunststoffwirtschaft und der Bauindustrie geortet. Was die
Wirtschaftsstärke betrifft, haben diese traditionellen Branchen zwar
sehr viel höhere BIP-Anteile, jedoch niedrige Forschungsquoten. Für
diese beiden Branchen haben wir Initiativen gesetzt und auch
maßgebliche Erfolge erreicht. Das wurde innerhalb kürzester Zeit
ermöglicht, obwohl wir die Förderquoten nicht steigerten, jedoch
nachweislich sehr viel mehr Anträge bekommen haben. Das heißt, in
manchen Bereichen ist es einfach auch eine Awareness-Schaffung zu
zeigen, ,Freunde, ihr könnt mehr und wir wollen hier auch mehr
sehen'. Auf der anderen Seite gibt es sicher Schwerpunkte, die jetzt
nicht nur branchenspezifisch sind. So brauchen wir mehr
Hightech-Start-ups, das ist die Zukunft. Viele von diesen sind
weniger auf Branchen bezogen und vereinen ihre Schwerpunkte im
Segment der Informations- und Kommunikationstechnologien. Dies ist
auch darauf zurückzuführen, dass der Dienstleistungsanteil im
Technologie- und F&E-Bereich steigt. Hierbei hat Österreich durchaus
gute Kompetenzen vorzuweisen. Da gilt es durch Initiativen Start-ups
stark zu fördern, unabhängig von der Branche.

PRESSETEXT: DIE INTERAKTION ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND WIRTSCHAFT IST
HIERBEI VON ZENTRALER BEDEUTUNG. ERFüLLT ÖSTERREICH BEIM
INFORMATIONSAUSTAUSCH ZWISCHEN DEN UNIVERSITäREN FORSCHUNGSZENTREN
UND FACHHOCHSCHULEN MIT DER WIRTSCHAFT MOMENTAN DIE ERWARTUNGEN DES
FFG?
Egerth: Ein typisches Problem der 1990er Jahre war die klare
Separierung der Wissenschaft auf der einen und der Wirtschaft auf der
anderen Seite sowie die geringe Form der Brücke oder Kooperation
zwischen diesen beiden Sektoren. Man hat dann mit Schwerpunkten wie
Kompetenzzentren oder Bridge-Programmen ganz massiv und verstärkt
auch mit sehr viel Geld eine Forcierung dieser Zusammenarbeit
entwickeln wollen. Der Transfer zwischen diesen beiden Welten
funktioniert zunehmend besser und ich würde sagen, sodass diese
Lücke mittlerweile geschlossen ist. Wesentlich ist aber, dieses
System zu verdichten, vor allem im Bereich des Intellectual Property.
Diese Themen sind natürlich nicht einfach zu lösen. Dazu muss die
Gesprächs- und Kompromissbereitschaft von beiden Seiten da sein. Da
hat das Universitätsgesetz 2002 massiv dazu beigetragen, dass sich
auch die Universitäten verstärkt öffnen und Drittmittel lukrieren
müssen. Seit einigen Jahren fängt das System an, viel besser zu
greifen und zu funktionieren. Aber für die Universitäten liegt
natürlich auch ein ganz wichtiges Segment im Bereich der
Hightech-Start-ups und Spin-offs.

PRESSETEXT: FüR DIE WIRTSCHAFTLICHE WETTBEWERBSFäHIGKEIT IM
INTERNATIONALEN VERGLEICH SIND VOR ALLEM PATENTE WICHTIGE
INDIKATOREN. WIE SCHNEIDET ÖSTERREICH HIERBEI EU-WEIT AB?
Egerth: Offen gesagt, gar nicht so schlecht. Im EU-25-Durchschnitt
gibt es 137 Patentanmeldungen pro einer Mio. Einwohner und
Österreich liegt mit 195 Patentanmeldungen im oberen Mittelfeld. Bei
dieser ganzen Geschichte muss man aber sagen, dass nicht jedes
Unternehmen jedes mögliche Patent anmeldet. Hierbei muss man
abwägen zwischen unerwünschten Technologietransfers und dem
Mehrwert, den man durch eine Patentanmeldung hat. Es kostet ja auch
sehr viel, ein Patent zu erhalten und anzumelden bzw. man geht
natürlich mit diesem Know-how auch an die Öffentlichkeit und wird
bekannter. Da gibt es schon auch andere Gründe, weshalb nicht jedes
mögliche Patent angemeldet und sichtbar wird. Ich glaube aber, dass
neben der Anzahl der Patentanmeldungen der zweite wichtige Punkt
darin liegt, dass mit Wissen, das vorhanden ist, auch tatsächlich
Produkte umgesetzt werden. Diese Erkenntnisse einerseits und Produkte
in den Markt zu bringen andererseits, geht dann noch einen weiteren
Schritt. Auch da muss Österreich sicher aufholen. Da gilt es noch
besser zu werden.

PRESSETEXT: WO SEHEN SIE DEN FFG IN ZEHN JAHREN UND WELCHE ROLLE
SPIELEN DABEI VOR ALLEM KOOPERATIONEN MIT DEN BUNDESLäNDERN?
Egerth: Unsere Bestrebungen sind ganz eindeutig auf die forschenden,
entwickelnden und innovativen Unternehmungen in Österreich ausgelegt
– egal, ob das Bereiche wie Nanotechnologie, Lifescience,
Brennstofftechnik oder neue Energie- und Umwelttechniken sind. Da
wollen wir uneingeschränkt und unumstritten Nummer eins sein. Auf
der anderen Seite ist es uns wichtig, den Bekanntheitsgrad der FFG in
der österreichischen Wirtschaft und der KMU- und Industriestruktur
sowie bei der Wissenschaft weiter auszubauen. Es geht nicht darum,
dass der Bund oder die FFG vorgeben und die Länder müssen dann
irgendwie mitziehen, sondern es geht tatsächlich um eine
partnerschaftliche, kooperative Zusammenarbeit zwischen Bund und
Bundesländern. Unser Bestreben ist es komplementär auf
Bundesländer-Aktivitäten und vice versa zu reagieren, dies aber in
einer sehr abgestimmten Art und Weise zu tun. Mit der Steiermark und
Oberösterreich haben wir schon wirklich vorbildliche Modelle, die
man fast nicht mehr verbessern kann und wo es eine enge Abstimmung
und auch zum Teil gemeinsame Abwicklungen bei uns gibt. Mit anderen
Bundesländern sind wir in Gesprächen, um diverse Modelle
umzusetzen. Aber das Bewusstsein ist sowohl auf der Länder- als auch
auf der Bundesebene ganz massiv da, hier eine abgestimmte,
konzertierte, gemeinsame Aktivität für F&E in Österreich zu
setzen. So groß sind wir in Österreich nicht.

PRESSETEXT: WELCHE BEREITS JETZT SCHON AKTIV FORSCHENDEN
WIRTSCHAFTSSEGMENTE SEHEN SIE MITTEL- BIS LANGFRISTIG ALS
FEDERFüHRENDE ZUKUNFTSBRANCHEN IN ÖSTERREICH?
Egerth: Durch das steigende Angebot in den Bereichen
Umwelttechnologie- und Energieunternehmen sehen wir die Notwendigkeit
von Förderungen in diesen Segmenten als tatsächlich vorhanden. Hier
verzeichnen wir eine Verdoppelung der Förderansuchen und ich glaube,
wir sollten uns – aber da wird hoffentlich der Energie- und
Klimaschutzfonds auch seinen Anteil dazu beitragen – die eine oder
andere Pilot- bzw. Demonstrationsanlage leisten können. Das sind
große Aufwendungen, die aber auch in anderen europäischen Ländern
stattfinden. Das wäre sehr interessant und würde uns wahrscheinlich
auch ein Stück vorwärts bringen. Ich würde aber auch sagen, dass in
den bisherigen Schwerpunktbereichen, wie in der chemischen
Erzeugnisindustrie, in Mess- und Steuerungsbereichen und dem
Maschinenbau, Österreich bis jetzt schon sehr gut ist und
Schwerpunkte im F&E-Bereich hat. Hierbei stecken Energie- und
Umwelttechnikprojekte durchaus schon drin. Das passiert nicht von
ganz vorn, sondern ist in anderen Schwerpunkten durchaus schon
vorhanden gewesen. Aber ich sehe das als einen zukünftigen,
zusätzlichen Schwerpunkt genauso wie das wahrscheinlich weiterhin
der Dienstleistungs- und IKT-Bereich sein wird.

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